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Nordkurier Ratgeber
Riskante Wette auf die Auto-Zukunft

Die deutschen Hersteller investieren viel in die E-Mobilität, hier beispielsweise bei der Produktion des BMW i8. Foto: Jan Woitas
Die deutschen Hersteller investieren viel in die E-Mobilität, hier beispielsweise bei der Produktion des BMW i8. Foto: Jan Woitas

Abgasbetrug, Fahrverbote für den einst gepriesenen Diesel und eine groß herausposaunte E-Revolution, die bislang kaum alltagstaugliche Elektroautos hervorgebracht hat: Kein Wunder, dass viele Käufer jetzt verwirrt sind, was sie nun fahren sollen. Wir geben einen Überblick über die aktuellen Entwicklungen.

Von Nico Esch  


Berlin. Vorstände, Betriebsräte, Minister und Gewerkschafter – und natürlich die Bundeskanzlerin. In großer Runde haben sich Spitzenvertreter der Regierung sowie der Auto- und Zulieferindustrie schon mehrmals in Berlin im Kanzleramt getroffen, um über die Zukunft der für Deutschland so wichtigen Branche zu beraten. Was die Konzerne aktuell am meisten umtreibt – ein Überblick:

Elektromobilität

Ein Spiel mit hohem Einsatz und ungewissem Ausgang. Die deutschen Hersteller stecken Milliarden in Entwicklung und Produktion von Elektroautos, für die kommenden Jahre haben sie etliche rein elektrische oder Hybrid-Varianten ihrer Fahrzeuge angekündigt. Ihnen bleibt auch nicht viel anderes übrig, wenn sie nicht die strenger werdenden CO2-Grenzwerte für den Schadstoffausstoß in der EU reißen und mit hohen Strafzahlungen belegt werden wollen. Doch dass die Kunden mitziehen und dann auch in großem Stil Elektroautos kaufen, ist keineswegs sicher – Diesel-Fahrverbote in großen Städten hin oder her.

BMW kommt deshalb mit einem Positionspapier nach Berlin, in dem der Münchner Konzern von der Bundesregierung deutlich mehr Einsatz für die Elektromobilität fordert. Unter anderem müssten die Steuern für Ladestrom in Deutschland gesenkt und die Kommunen zur Schaffung von kostenlosen Parkplätzen und anderen Vorteilen gezwungen werden. Zudem müsse die EU den Ausbau des Ladenetzes europaweit durchsetzen.

Um die weiter schwache Nachfrage nach Elektroautos anzukurbeln, hat die Bundesregierung bereits die staatliche Kaufprämie bis Ende 2020 verlängert. Die sollte eigentlich Ende Juni auslaufen, hat die Erwartungen bisher aber nicht erfüllt. Zwar wurden im Mai laut Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) in Deutschland 4630 reine Elektroautos und gut 19 300 Hybride neu zugelassen. Das waren zusammen sieben Prozent aller Neuzulassungen.


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Absatzflaute

Was den Herstellern bei den teuren Wetten auf die Zukunft so gar nicht hilft: Aktuell herrscht in vielen Teilen der Welt Flaute in den Autohäusern. Volkswagen hat bislang in diesem Jahr weltweit 5 Prozent weniger Autos verkauft als von Januar bis Mai 2018. Bei Audi waren es fast 6 Prozent weniger, bei Daimlers Kernmarke Mercedes-Benz 4,7 Prozent. Nur BMW liegt mit 1,6 Prozent im Plus.

Branchenexperte Ferdinand Dudenhöffer sieht die Branche weltweit vor einer tiefen Krise. Laut einer Studie seines Forschungsinstituts CAR an der Universität Duisburg- Essen könnte im laufenden Jahr der globale Absatz neuer Autos um 5 Prozent auf 79,5 Millionen Stück sinken. Ein derart starker Einbruch war nicht einmal nach der Finanzkrise 2008 beobachtet worden. Und auch wenn die Gründe für die aktuelle Lage mit Handelskonflikten, einem schwachen Markt in China, Modellwechseln oder neuen Abgasteststandards vielfältig sind, ist die Konsequenz doch bei allen Herstellern gleich: sparen, sparen, sparen.

Autonomes Fahren

Dabei bräuchten die Autokonzerne das Geld aus dem Verkauf des Autos von heute dringend für die Entwicklung der Autos von morgen. Denn neben der Elektromobilität verschlingt auch das zweite Megathema, das Autonome Fahren, Milliarden. So viele, dass selbst die Größten der Branche eifrig Allianzen schmieden, um gegen die Konkurrenz der Tech-Konzerne aus den USA oder China bestehen zu können. So treiben Daimler und BMW künftig die Entwicklung auf Gebiet gemeinsam voran, VW tut sich mit Ford zusammen.

Dieselskandal und Ärger mit dem Kartellamt

Um den Dieselskandal und die Debatte um Software-Updates und Hardware-Nachrüstungen ist es zuletzt zwar ruhiger geworden, vom Tisch ist das Thema aber noch lange nicht. Daimler flatterte erst im Sommer ein neuer Pflicht-Rückruf ins Haus. Rund 60 000 Diesel-Geländewagen von Mercedes-Benz müssen in die Werkstatt. Das KBA wirft Daimler vor, auch darin eine illegale Abgastechnik verwendet zu haben, und untersucht noch weitere Modelle. Und das hat Folgen: Zwar ist Daimler überzeugt, nichts Illegales getan zu haben, trotzdem legt der Konzern einen hohen dreistelligen Millionenbetrag auf die Seite und korrigiert seine Ergebniserwartung für dieses Jahr nach unten. Auch nicht lange ist es her, dass der Zulieferer Bosch wegen seiner Verstrickung in den Skandal Post von der Justiz bekam. Inhalt: ein Bußgeldbescheid über 90 Millionen Euro. VW und die Töchter Audi und Porsche mussten ebenfalls schon zahlen, zusammen mehr als zwei Milliarden Euro. Gegen Daimler läuft ein solches Verfahren noch.

Dazu kommen diverse strafrechtliche Ermittlungen und zivilrechtliche Verfahren, nicht nur in Deutschland. Das Verbraucher-Musterverfahren gegen VW, das Ende September beginnt, dürfte den Konzern auf Jahre beschäftigen. Offen ist noch, wie es im Kartellverfahren der EU weitergeht. Die Wettbewerbshüter werfen BMW, Daimler und VW vor, illegale Absprachen zu Technologien der Abgasreinigung getroffen zu haben. BMW hat als einziger Konzern mehr als eine Milliarde Euro für mögliche Strafen zurückgelegt. Daimler hingegen setzt auf die Kronzeugenregelung und erwartet für sich keine Bestrafung.


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Anwaltskosten sind zu ersetzen

Von Peter Löschinger  

Der Dieselskandal brachte viele Fahrer dazu, ihre Wagen zurückgeben zu wollen. Vor Gericht gibt es dabei viel zu beachten.

Koblenz. Wer im Rahmen des Dieselskandals seinen Autokauf gerichtlich rückgängig machen kann, hat Anspruch auf Schadenersatz. Dieser umfasst die vorgerichtlichen Anwaltskosten ebenso wie die Kosten einer Kreditfinanzierung. Das zeigt ein Urteil des Landgerichts Koblenz (Az.: 15 O 331/17), auf das die Arbeitsgemeinschaft Verkehrsrecht des Deutschen Anwaltvereins (DAV) hinweist.

Im verhandelten Fall ging es um einen Mann, der Ende 2013 für 32 000 Euro ein Auto gekauft hatte. Das Modell war später vom Dieselskandal betroffen: Eine Softwaremanipulation sorgte dafür, dass der Motor die vorgeschriebenen Abgaswerte nur im Prüfbetrieb erreichte. Der Mann wollte den Wagen zurückgeben und klagte gegen den Hersteller. Neben dem Kaufpreis wollte er auch die Kosten für die Autofinanzierung und vorgerichtliche Anwaltskosten zurückbekommen.

Und vor Gericht hatte der Kläger Erfolg: Er bekam den Kaufpreis zuzüglich Zinsen zugesprochen, musste sich allerdings den Wert für die Nutzung des Autos anrechnen lassen. Die Finanzierungskosten sowie die vorgerichtlichen Kosten für einen Rechtsanwalt waren ebenfalls zu ersetzen.

Knapp vier Jahre nach dem Auffliegen des Dieselskandals erreichen mehr und mehr Klagen betroffener Autobesitzer den Bundesgerichtshofs (BGH). Dort liegen inzwischen mehr als 30 Verfahren. Höchstrichterliche Entscheidungen zum Diesel werden sehnsüchtig erwartet. Aus bisherigen Entscheidungen ist bekannt, dass der BGH illegale Abgastechnik als Sachmangel einstuft. Aber die meisten Fragen bleiben ungeklärt. Allen voran lässt der Beschluss offen, ob ein Auto auch dann noch mangelhaft ist, wenn das vom Kraftfahrt-Bundesamt angeordnete Software-Update aufgespielt wurde.